Nachdem ich zuletzt am vergangenen Freitag für RetterPlus vertrieblich in Düsseldorf-Kaiserswerth war, ging es noch weiter nach Krefeld-Uerdingen. Es ging also sozusagen in die alte Heimat, denn bevor ich nach Gruiten gezogen bin, habe ich ja in Krefeld gewohnt. Da es schon etwas später war, habe ich nur ein paar Fotos gemacht. Trotzdem habe ich mal einen kleinen Artikel zu Krefeld-Uerdingen verfasst.
Wer Uerdingen zum ersten Mal besucht, könnte meinen, der Rhein habe hier nicht nur eine Landschaft, sondern eine eigene Stadt geschaffen. Doch Uerdingen erschließt sich nicht allein über seine Lage am Strom. Der besondere Charakter des Stadtteils entsteht vielmehr aus dem Nebeneinander verschiedener Zeiten: mittelalterliche Spuren, barocke Bürgerhäuser, Handel, Hafen und Industrie liegen auf engem Raum beieinander. Zwischen dem historischen Marktplatz und den großen Anlagen der chemischen Industrie spannt sich eine Geschichte, die von Veränderung erzählt – und davon, wie sehr ein Ort durch seine Lage, seine Bewohner und seine wirtschaftlichen Möglichkeiten geprägt wird.
Uerdingen besitzt dabei eine eigentümliche Mischung aus Bürgerstadt, Hafenort und Industriestandort. Alte Häuser und mittelalterliche Spuren treffen auf gewaltige Anlagen der chemischen Industrie. Die Übergänge zwischen diesen Welten sind erstaunlich kurz. Gerade darin liegt ein besonderer Reiz: Uerdingen präsentiert seine Geschichte nicht als abgeschlossene Vergangenheit, sondern als Abfolge von Schichten, die bis in die Gegenwart hinein sichtbar geblieben sind.
Die Geschichte des Ortes ist eng mit seiner Lage verbunden. Schon früh war Uerdingen ein wichtiger Handels- und Verkehrsplatz. Der Rhein bot Zugang zu überregionalen Handelswegen und prägte damit die wirtschaftliche Entwicklung. Was heute vor allem als landschaftliche Kulisse wahrgenommen wird, war für frühere Generationen vor allem Verkehrsweg, Wirtschaftsraum und strategischer Faktor. Der Fluss erklärt deshalb einen Teil der Geschichte Uerdingens – aber eben nicht seine ganze Geschichte.

Wer sich vom Ufer in Richtung Altstadt bewegt, betritt eine andere Welt. Am historischen Marktplatz und in den angrenzenden Straßen wird sichtbar, dass Uerdingen weit älter ist als seine industrielle Prägung. Das alte Rathaus (Am Marktplatz 10) stammt aus dem Jahr 1725 und ist im Barockstil errichtet. Auch die Herberzhäuser (heute Rathaus, Apotheke und Bibliothek), die 1832 von den Kaufmanns- und Fabrikantenbrüdern Herberz erbaut wurden, erzählen von einer wohlhabenden bürgerlichen Vergangenheit. Leider werden die Herberzhäuser gerade renoviert und deshalb habe ich auch kein Foto von der Baustelle gemacht. 😉
Diese Gebäude wirken heute vielleicht selbstverständlich. Doch gerade darin liegt ihre Bedeutung. Ein historisches Bürgerhaus ist kein Monument im klassischen Sinn. Es erzählt weniger von großen Schlachten oder berühmten Herrschern als vom Alltag einer Gesellschaft: von Handel, Wohlstand, Besitz und dem Wunsch, dem eigenen Leben auch architektonisch Ausdruck zu geben. Fassaden werden damit zu sozialen Dokumenten.
Besonders eindrucksvoll ist das Rheintor. Es gehört zu den erhaltenen Spuren der historischen Befestigung Uerdingens und erinnert daran, dass die Stadt einst stärker von Mauern und Toren geprägt war. Heute ist das Tor in eine Stadt eingebettet, die ihre mittelalterlichen Grenzen längst überschritten hat. Gerade dieser Gegensatz macht seinen Reiz aus. Das Bauwerk markiert einen Übergang zwischen einer älteren, befestigten Stadt und dem modernen Uerdingen.
Eine weitere Spur dieser Vergangenheit ist die Uerdinger Burg. Von der einstigen Anlage sind historische Reste erhalten. Wie bei vielen fragmentarisch überlieferten Bauwerken ist gerade das Unvollständige interessant. Eine Ruine erzählt nicht nur davon, was einmal existierte, sondern auch davon, was verschwunden ist. Geschichte erscheint dadurch nicht als geschlossenes Kapitel, sondern als Prozess aus Bewahren, Verändern und Vergessen.
Zwischen diesen historischen Spuren liegt das Klöske, dessen Name auf „Kleiner Nikolaus“ zurückgeht. Das Gebäude ist bereits seit 1403 als Krankenhospiz und Herberge bezeugt. Auch der Brempter Hof in der Alten Krefelder Straße verweist auf die lange Geschichte Uerdingens.
Solche Orte erzählen eine andere Geschichte als die großen Sehenswürdigkeiten. Sie lenken den Blick auf die Menschen, die durch Uerdingen kamen und hier lebten: Reisende, Kaufleute, Kranke, Handwerker und Bewohner. Stadtgeschichte entsteht nicht nur durch Herrscher und große Ereignisse, sondern vor allem durch die vielen Menschen, deren Namen und Geschichten irgendwann vergessen werden.
Vielleicht ist deshalb ein Spaziergang durch Uerdingen besonders lohnend, wenn man nicht nur nach spektakulären Bauwerken sucht. Die Stadt erschließt sich eher langsam. Eine Fassade, ein Torbogen, ein altes Haus oder eine ungewöhnliche Straßenführung können Hinweise auf vergangene Zeiten geben. Die Geschichte liegt nicht überall offen zutage. Man muss sie lesen lernen.

Doch Uerdingen wäre unvollständig beschrieben, würde man bei seiner historischen Altstadt stehen bleiben. Denn spätestens im 19. und 20. Jahrhundert veränderte die Industrialisierung den Charakter des Ortes grundlegend. Aus dem Handels- und Hafenstandort wurde zunehmend ein bedeutender Industriestandort. Heute prägen die Anlagen des Chempark Uerdingen weite Teile des Stadtbildes und verweisen auf eine Arbeitswelt, die mit den barocken Fassaden der Altstadt zunächst wenig gemeinsam zu haben scheint.
Gerade dieser Kontrast ist aufschlussreich. Uerdingen ist nicht einfach eine historische Stadt, die zufällig von moderner Industrie umgeben wurde. Die Industrie gehört inzwischen selbst zur Geschichte des Ortes. Sie steht für technische Entwicklung, Arbeitsplätze und wirtschaftlichen Wandel und hat das Leben ganzer Generationen geprägt. Der Blick auf Uerdingen muss deshalb über romantische Vorstellungen einer alten Rheinstadt hinausgehen. Seine Identität entstand ebenso aus Fabriken, Häfen und Produktionsstätten wie aus Kirchen, Bürgerhäusern und Stadtmauern.
Eine besondere Rolle spielt dabei die Geschichte der Dujardin-Weinbrandproduktion. Sie steht exemplarisch für die Verbindung von Handel, Produktion und bürgerlichem Unternehmertum, die Uerdingen im Laufe seiner Entwicklung prägte. Der Name Dujardin gehört damit zu jener industriellen Vergangenheit, die den Stadtteil über seine historische Altstadt hinaus bekannt gemacht hat.
Auch die Rheinwerft und das Umfeld des Hafens gehören in dieses Bild. Hier wird sichtbar, dass der Rhein nicht nur Landschaft, sondern Arbeitsraum war. Waren wurden transportiert, Güter umgeschlagen und Verbindungen geschaffen. Der Fluss war damit ein wirtschaftlicher Faktor, dessen Bedeutung weit über den bloßen Blick auf das Wasser hinausging.
Die Uerdinger Rheinbrücke führt diese Geschichte in die Moderne. Sie ist nicht nur ein markantes Bauwerk, sondern Ausdruck einer Zeit, in der technische Infrastruktur den Raum neu ordnete. Wo der Fluss einst natürliche Grenze und Verkehrsweg war, ermöglicht die Brücke heute eine direkte Verbindung zwischen den Ufern. Damit steht sie sinnbildlich für einen Wandel, der Uerdingen immer wieder geprägt hat: Grenzen werden überwunden, Verkehrswege verändert und Räume neu miteinander verbunden.
Wer anschließend wieder durch die Altstadt geht, nimmt ihre historischen Gebäude vielleicht anders wahr. Das alte Rathaus, das Rheintor oder die Herberzhäuser erscheinen nicht mehr als isolierte Sehenswürdigkeiten, sondern als Teile einer größeren Entwicklung. Sie erzählen von einer Stadt, die sich immer wieder neu an veränderte Bedingungen anpassen musste.
Gerade darin liegt die eigentliche Besonderheit Uerdingens. Der Stadtteil versucht nicht, seine unterschiedlichen Identitäten aufzulösen. Historisches und Modernes stehen nebeneinander. Bürgerhäuser, Hafen, Industrieanlagen und Verkehrsbauwerke erzählen jeweils eine andere Geschichte – und doch gehören sie alle zu demselben Ort.

Uerdingen ist deshalb weniger ein Stadtteil, den man mit einer Liste von Sehenswürdigkeiten „abhakt“, als ein Ort, den man sich erlaufen muss. Vom Marktplatz zum Rheintor, durch die alten Straßen und weiter in Richtung Hafen entsteht allmählich ein Bild: von einer mittelalterlichen Stadt, die zum Handelsplatz wurde; von bürgerlichem Wohlstand, der sich in Häusern und Plätzen ausdrückte; von einer Industrie, die den Ort grundlegend veränderte; und von einer Gegenwart, in der all diese Schichten nebeneinander bestehen.
Vielleicht liegt genau darin der stille Reiz Uerdingens. Die Stadt ist weder vollständig in ihrer Vergangenheit aufgegangen noch hat sie ihre Geschichte hinter sich gelassen. Ihre historischen Gebäude stehen mitten im heutigen Leben, während Industrie und Verkehr längst selbst zu Bestandteilen ihrer Geschichte geworden sind.
Wer Uerdingen besucht, entdeckt deshalb nicht nur einzelne Sehenswürdigkeiten, sondern ein Stück Stadtentwicklung im Kleinen. Das Rheintor erzählt von der alten Stadt, das Rathaus vom selbstbewussten Bürgertum, die historischen Häuser vom Handel, der Hafen von der Bedeutung des Verkehrs und die Industrieanlagen vom Wandel der Arbeitswelt. Erst in ihrer Verbindung ergeben diese Orte ein Bild von Uerdingen.
Es ist das Bild einer Stadt, die sich immer wieder verändert hat, ohne ihre älteren Schichten vollständig abzulegen. Vielleicht muss man deshalb gar nicht nach dem einen Wahrzeichen suchen, das Uerdingen erklärt. Die eigentliche Sehenswürdigkeit ist die Stadt selbst – mit ihren Brüchen, Übergängen und den Spuren verschiedener Zeiten, die sich bis heute überlagern.

Fotos: jhmc
