Düsseldorf-Kaiserswerth – eine Stadt am Fluss

Manchmal meint es das Leben wirklich gut, Denn nachdem ich bei bestem Wetter zunächst in Ratingen vertrieblich in Sachen RetterPlus unterwegs war, führte mich mein Weg danach weiter nach Düsseldorf-Kaiserswerth. Und da es das Leben an diesem Tag wirklich gut meinte, hatte ich trotz der vertrieblichen Termine ausgiebig Zeit für einen Streifzug durch das schöne Kaiserswerth.

Wie man auf den nun folgenden Bildern gut erkennen kann, lohnt sich ein Streifzug durch Kaiserswerth wirklich. Tauchen wir also ein in diesen faszinierenden Düsseldorfer Stadtteil mit seiner bemerkenswerten Geschichte.

Wer Kaiserswerth zum ersten Mal besucht, könnte für einen Augenblick vergessen, dass er sich noch in Düsseldorf befindet. Die Großstadt scheint hier leiser zu werden. Zwischen alten Mauern, gepflasterten Gassen und dem breiten Strom des Rheins entsteht ein Ort, dessen Geschichte weit über die heutige Stadtgrenze hinausweist. Kaiserswerth ist kein Stadtteil, der seine Vergangenheit lediglich bewahrt hat. Er lebt gewissermaßen in ihr – und zugleich mit ihr. Mittelalterliche Kirchen, barocke Bürgerhäuser, die Ruinen einer Kaiserpfalz und die Ufer des Rheins liegen hier so dicht beieinander, dass Geschichte nicht abstrakt erscheint, sondern beinahe räumlich erfahrbar wird.

Vielleicht beginnt das Verständnis für Kaiserswerth dort, wo sein Name bereits eine Erinnerung bewahrt. Das mittelhochdeutsche Wort „werth“ bezeichnete eine Insel. Einst lag hier eine Rheininsel, auf der der angelsächsische Missionar Suitbertus um das Jahr 700 ein Kloster gründete. Aus diesem frühen geistlichen Zentrum entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte ein Ort von politischer, religiöser und wirtschaftlicher Bedeutung. Kaiserswerth wurde zur Pfalz, zur Festung und zum Schauplatz bedeutender Ereignisse des mittelalterlichen Reiches.

Heute ist von der einstigen Inselgestalt kaum noch etwas zu erkennen. Der Rhein fließt weiterhin an Kaiserswerth vorbei, doch die Landschaft hat sich verändert. Was geblieben ist, ist die besondere Beziehung zwischen Wasser und Geschichte. Der Fluss war Verkehrsweg, Grenze, wirtschaftliche Lebensader und zugleich eine natürliche Voraussetzung für die strategische Bedeutung des Ortes. Wer heute am Rheinufer steht, sieht einen scheinbar ruhigen Strom. Die alten Mauern der Kaiserpfalz erzählen jedoch davon, dass dieser Fluss einst Schauplatz von Macht, Handel und Konflikten war.

Am deutlichsten spricht davon die Kaiserpfalz. Ihre Ruinen gehören zu den eindrucksvollsten historischen Zeugnissen Düsseldorfs. Die sichtbaren Reste gehen vor allem auf den Ausbau unter Kaiser Friedrich I. Barbarossa im 12. Jahrhundert zurück. Die Anlage war nicht nur repräsentativer Aufenthaltsort eines Herrschers, sondern besaß durch ihre Lage am Rhein auch eine erhebliche strategische und wirtschaftliche Bedeutung. Barbarossa verlegte 1174 den Rheinzoll nach Kaiserswerth und ließ die Pfalz zu einer mächtigen Festung ausbauen.

Doch gerade eine Ruine erzählt anders als ein vollständig erhaltenes Schloss. Sie zeigt nicht nur, was einmal war, sondern auch, was vergangen ist. Die Mauern der Kaiserpfalz stehen heute ohne die Herrscher, Soldaten und Händler, für die sie einst errichtet wurden. Im Spanischen Erbfolgekrieg wurde die Festung 1702 schwer beschädigt; in den folgenden Jahrhunderten wurden Teile der Ruine sogar als Steinbruch genutzt. Was heute als romantisches Wahrzeichen erscheint, war also einst Schauplatz von Zerstörung und Wiederverwendung.

Gerade deshalb besitzt die Kaiserpfalz eine eigentümliche Wirkung. Zwischen ihren Mauern wird Geschichte nicht glatt und abgeschlossen präsentiert. Sie erscheint fragmentarisch. Man sieht Bögen, Mauern und gewaltige Steinquader, aber die Gebäude, die einst darüber hinausgingen, müssen in der Vorstellung ergänzt werden. Die Ruine fordert damit etwas, das viele historische Orte verloren haben: die Bereitschaft, sich Geschichte selbst auszumalen.

Dabei fällt es leicht, sich diese Geschichte selbst auszumalen oder anders gesagt, man wird geradezu herzlich dazu eingeladen. Denn der Weg führt direkt vom mächtigen Rheinstrom hinein in die alten Mauern der Kaiserpfalz, die sich so ausgiebig erkunden lässt.

Dabei ist die Kaiserpfalz durch einige Wege durch die alten Mauern erschlossen, so dass sich auch immer wieder schöne neue Ausblicke ergeben. Und neben den „alten Steinen“ lässt sich ganz selbstverständlich auch noch ein modernes Kunstwerk bewundern, das den Rahmen für einen schönen Ausblick in die niederrheinische Landschaft bietet.

Der Rhein fließt majestätisch seiner Mündung entgegen, auf dem Rhein ziehen die Schiffe ihre Bahnen, der Blick schweift in die offene Landschaft, während rechts das schöne Kaiserswerth liegt und man mitten in den Ruinen der alten Kaiserpfalz steht.

Dabei lassen die Ruinen erahnen, dass es sich wirklich um eine große Burganlage gehandelt haben muss. Ein Modell direkt vor den alten Mauern rekonstruiert die Kaiserpfalz im Kleinen. Aber wer seiner Phantasie ein klein wenig Raum gibt, kann die alten Mauern vielleicht auch in seinen Gedanken wieder auferstehen lassen.

Doch gehen wir zurück und erkunden weiter die Gassen von Kaiserswerth. Der Weg führt uns zunächst zurück an den Rhein.

Und natürlich darf auch ein Anker auf den alten Mauern nicht fehlen, erinnert er doch an die lange Tradition der Schifffahrt auf dem Rhein. Und gleichzeitig kann man an dieser Stelle den Ausblick auf den Rhein, die vorbeiziehenden Schiffe und die niederrheinische Landschaft noch einmal richtig genießen. Fast vergisst man, dass man sich in einer Großstadt befindet.

Der Ort strahlt eine unfassbare Ruhe aus. Wie gut, dass Freitag war und ich ein wenig Zeit mitgebracht hatte.

Nur wenige Schritte vom Rhein und der Kaiserpfalz entfernt liegt die Basilika St. Suitbertus. Sie führt in eine andere Welt – nicht in die Welt kaiserlicher Macht, sondern in die des Glaubens. Die heutige Kirche entstand im Mittelalter; mit ihrem Bau wurde um 1200 begonnen, der Chor wurde 1237 vollendet. In ihrem Inneren befindet sich der kostbare Suitbertschrein aus dem 13. beziehungsweise frühen 14. Jahrhundert, der die Gebeine des Heiligen Suitbertus bewahrt.

Die Kirche ist damit unmittelbar mit dem Ursprung Kaiserswerths verbunden. Suitbertus, dessen Wirken den Ort seit dem frühen Mittelalter prägt, ist hier nicht nur eine historische Figur. Sein Name lebt im Kirchenbau, im Stiftsplatz und in der Erinnerung des Stadtteils fort. So wird aus Architektur Erinnerung: Stein bewahrt, was Menschen über Jahrhunderte hinweg weitererzählt haben.

Besonders eindrucksvoll ist der Suitbertus-Stiftsplatz. Die historische Bebauung und die von Linden gesäumte Platzanlage vermitteln eine Ruhe, die fast im Gegensatz zur wechselvollen Geschichte Kaiserswerths steht. Die Gebäude rund um den Platz stammen zu großen Teilen aus der Zeit des Wiederaufbaus nach der Zerstörung von 1702. Der Platz ist damit selbst ein Stück Stadtgeschichte: Er zeigt nicht nur das mittelalterliche Kaiserswerth, sondern auch dessen Fähigkeit, nach einer Katastrophe wieder eine neue Gestalt anzunehmen.

Überhaupt liegt ein besonderer Reiz Kaiserswerths in seinen Häusern. Am Kaiserswerther Markt und in den angrenzenden Gassen stehen zahlreiche historische Gebäude, darunter barocke Bürgerhäuser und das Alte Zollhaus. Diese Gebäude kann man auf den Bildern weiter oben in diesem Beitrag bewundern. Ihre Fassaden sind weniger spektakulär als die mächtigen Mauern der Kaiserpfalz, doch vielleicht erzählen sie gerade deshalb besonders viel vom alltäglichen Leben vergangener Jahrhunderte. Ein Schloss erzählt von Herrschern. Ein Wohnhaus erzählt von Menschen, die in einer Stadt lebten, arbeiteten, Handel trieben und ihre Häuser nach ihren Vorstellungen gestalteten.

Eine weitere Geschichte, die untrennbar mit Kaiserswerth verbunden ist, beginnt im 19. Jahrhundert. Theodor Fliedner gründete hier die Diakonissenanstalt und entwickelte damit eine Einrichtung, die weit über Kaiserswerth hinaus Bedeutung erlangte. Die Gebäude des ehemaligen Diakonissenwerks gehören bis heute zum Ortsbild. Auch Florence Nightingale war mit der Kaiserswerther Diakonie verbunden und besuchte dort eine Ausbildung zur Krankenpflegerin.

Damit tritt neben Kaiser und Kirche ein weiterer Aspekt in die Geschichte des Stadtteils: die soziale Fürsorge. Kaiserswerth war nicht nur ein Ort politischer Macht und religiöser Tradition, sondern wurde auch zu einem Zentrum moderner sozialer und pflegerischer Arbeit. Wieder zeigt sich, wie viele unterschiedliche Geschichten auf engem Raum zusammenkommen.

Und dann ist da der Rhein, dem wir weiter oben bereits einige schöne Bilder mit Ansichten der niederrheinischen Landschaft gewidmet haben.

Vielleicht versteht man Kaiserswerth erst wirklich, wenn man seine historischen Mauern irgendwann hinter sich lässt und zum Fluss geht. Dort verändert sich der Blick. Die engen Gassen öffnen sich, der Horizont wird weiter, und die Geschichte scheint für einen Moment weniger greifbar zu werden. Der Rhein fließt an den alten Mauern vorbei, als hätte er all die Jahrhunderte beobachtet, ohne selbst zu altern. Schiffe ziehen vorüber, Menschen sitzen am Ufer, und der Ort wird zu einem Ausflugsziel der Gegenwart.

Gerade dieser Übergang macht Kaiserswerth so eigenartig und reizvoll. Man kann am selben Nachmittag durch mittelalterliche Geschichte gehen, eine romanische Basilika betreten, zwischen barocken Häusern entlangspazieren und schließlich am Rhein sitzen. Vergangenheit und Gegenwart stehen hier nicht voneinander getrennt. Sie liegen übereinander.

Kaiserswerth ist deshalb mehr als eine Ansammlung sehenswerter Gebäude. Die Kaiserpfalz, St. Suitbertus, der Stiftsplatz, die historischen Bürgerhäuser und die Spuren der Diakonie sind einzelne Kapitel einer Geschichte, die sich über mehr als tausend Jahre erstreckt. Doch erst der Rhein verbindet diese Kapitel miteinander. Er erklärt die strategische Bedeutung des Ortes, seine wirtschaftliche Entwicklung und zugleich seine heutige Atmosphäre.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Besonderheit Kaiserswerths: Der Stadtteil bewahrt Geschichte, ohne in ihr stehen zu bleiben. Seine Mauern sind alt, seine Straßen tragen die Spuren vergangener Jahrhunderte – und doch ist der Ort kein Museum. Menschen wohnen hier, gehen spazieren, sitzen am Rhein und treffen sich auf dem Markt. Das Alte ist Teil des Alltäglichen geworden.

Wer durch Kaiserswerth geht, entdeckt deshalb nicht nur Sehenswürdigkeiten. Man begegnet den verschiedenen Zeiten, aus denen dieser Ort entstanden ist. Die Kaiserpfalz erzählt von Macht, St. Suitbertus von Glauben, die historischen Häuser vom bürgerlichen Leben, die Diakonie von sozialem Engagement und der Rhein von Bewegung und Veränderung. Zusammen ergeben sie kein abgeschlossenes Bild, sondern eine Stadt, deren Geschichte bis in die Gegenwart hinein sichtbar bleibt.

Und vielleicht ist genau das der schönste Weg, Kaiserswerth zu verstehen: nicht als Ort, an dem die Vergangenheit konserviert wurde, sondern als Ort, an dem sie weiterlebt. In den Mauern der Ruine, im Schatten der Linden, auf dem Kopfsteinpflaster der alten Gassen und im stetigen Fließen des Rheins liegt eine Erinnerung, die nicht laut werden muss. Man muss nur langsam genug gehen, um sie wahrzunehmen.

Gleichzeitig ist Kaiserswerth ein Teil Düsseldorfs und so zeigt sich, wie vielfältig Düsseldorf ist. Denn Düsseldorf ist eben nicht nur die Königsallee, die Altstadt oder die Rheinuferpromenade. Im Gegenteil: Schon in unserem Beitrag über Gerresheim haben wir gezeigt, dass es in Düsseldorf auch abseits der klassischen Touristenpfade viel zu entdecken gibt.

Die großen Verwaltungszentralen der Innenstadt scheinen Lichtjahre weit weg zu sein. Und doch kann man sie bequem von Kaiserswerth aus in wenigen Minuten mit der Stadtbahn erreichen  – so, wie natürlich Kaiserswerth in wenigen Minuten aus der Innenstadt per Stadtbahn erreichbar ist.

Genießen wir also noch ein klein wenig die Ruhe und die wunderschönen alten Gebäude rund um den Suitbertus-Stiftsplatz, die einen vergessen lassen, dass man sich eigentlich in einer der größten Städte Deutschlands befindet.

Manchmal muss man tatsächlich gar nicht weit fahren, um eine kleine Auszeit vom Alltag zu erleben. Wie schön, wenn man berufliche Verpflichtungen mit derartigen kleinen Auszeiten verbinden kann. Und wenn dann auch noch das Smartphone lobt, dass man heute so viele Schritte gemacht hat, dass auch die viele Bewegung der Gesundheit gut tut, dann hat man doch wahrlich alles richtig gemacht.

Gerne hätte ich noch etwas mehr Zeit in Kaiserswerth verbracht. Doch leider riefen noch einige vertriebliche Verpflichtungen, so dass ich zu weiteren Terminen musste. Aber diese kleine Auszeit mit all den wunderbaren Eindrücken hat gezeigt, wie wichtig es ist, zwischendurch einmal innezuhalten. Meine Erfahrung ist, dass man sich danach umso fokussierter seinen Aufgaben widmen kann.

Bilder: jhmc