Ratingen – eine Stadt zwischen Zeiten

Am vergangenen Freitag war ich wieder einmal vertrieblich in Sachen RetterPlus unterwegs und wie ich neulich schon einmal erwähnte hat das den angenehmen Nebeneffekt, dass ich ganz nebenbei auch noch die eine oder andere Sehenswürdigkeit meiner Heimatregion besuchen kann. Denn man kennt es ja: Im Urlaub dreht man gefühlt jeden „alten Stein“ drei Mal herum, während man im beruflichen Alltag kaum dazu kommt, die Sehenswürdigkeiten direkt vor der Haustür zu bewundern.

Klar, man ist nicht nur für Sehenswürdigkeiten unterwegs. Aber das Schöne ist, dass mich mein Weg immer wieder auch in die schönen Ecken führt, die manchmal leider etwas abseits der bekannten Pfade liegen. Zum Glück schaffe ich es aber oftmals, mir auch für die Sehenswürdigkeiten der Orte, die ich besuche, ein wenig Zeit zu nehmen.

Wie gesagt. ich war vertrieblich unterwegs. Deshalb habe ich natürlich nicht alles besuchen können, was ich im Folgenden erwähnen werde. So war ich z.B. nicht am Schloss Landsberg und auch nicht im Industriemuseum Cromford. Na ja, aber die historische Altstadt, die Wasserburg Haus am Haus und auch die St.-Peter-und-Paul-Kirche habe ich natürlich gesehen. 🙂

Wer Ratingen nur als Stadt zwischen Düsseldorf und dem Ruhrgebiet betrachtet, könnte leicht übersehen, was diesen Ort eigentlich ausmacht. Ratingen liegt gewissermaßen im Dazwischen: zwischen Großstadt und Landschaft, zwischen industrieller Vergangenheit und moderner Gegenwart, zwischen geschäftigem Alltag und den stilleren Spuren einer jahrhundertealten Geschichte. Gerade dieses Dazwischen verleiht der Stadt ihren besonderen Charakter. Ratingen drängt sich nicht auf. Seine Geschichte begegnet einem vielmehr beiläufig – in alten Mauern, Kirchen, Wassergräben und Fabrikgebäuden, aber auch in den Wäldern und Wegen, die sich bis an die Stadt heranziehen.

Wer durch Ratingen geht, bewegt sich deshalb nicht nur durch einen geografischen Raum, sondern gewissermaßen auch durch verschiedene Zeiten. Die Stadt erzählt ihre Geschichte nicht in einer einzigen großen Erzählung. Sie besteht aus vielen einzelnen Spuren, die sich überlagern. Mittelalterliche Bauwerke stehen neben Zeugnissen der Industrialisierung, historische Plätze neben modernen Geschäften und dicht besiedelte Straßen neben Landschaften, in denen Ruhe und Weite vorherrschen. Ratingen erscheint dadurch wie ein Mosaik, dessen einzelne Steine erst aus der Nähe ihre Bedeutung erkennen lassen.

Ein solcher Ort, an dem Vergangenheit besonders unmittelbar spürbar wird, ist Schloss Landsberg. Das historische Wasserschloss liegt eingebettet in eine Landschaft, die einen deutlichen Kontrast zur Betriebsamkeit der umliegenden Städte bildet. Wasser, Bäume und die Architektur des Schlosses schaffen eine Atmosphäre, in der die Gegenwart für einen Moment in den Hintergrund zu treten scheint. Ein Schloss ist dabei immer mehr als ein schönes Gebäude. Seine Mauern erzählen von gesellschaftlichen Verhältnissen, von Besitz und Macht, von Menschen, deren Leben unter völlig anderen Bedingungen stattfand. Wer heute durch die Umgebung geht, begegnet diesen vergangenen Welten allerdings nicht mehr als gelebter Wirklichkeit, sondern als Erinnerung – und gerade darin liegt ihr Reiz.

Ähnlich verhält es sich mit der Wasserburg Haus zum Haus. Ihre historische Anlage verweist auf eine Zeit, in der Wassergräben, Burgen und befestigte Anwesen noch selbstverständlich zum Erscheinungsbild der Region gehörten. Heute wirkt eine solche Burg beinahe wie ein Fremdkörper in der modernen Welt. Gerade dieser Eindruck macht sie interessant. Zwischen Straßen, Wohngebieten und dem modernen Leben erinnert sie daran, dass Landschaften niemals selbstverständlich sind. Sie haben eine Geschichte, und diese Geschichte reicht oft viel weiter zurück, als es der erste Blick vermuten lässt.

Wer anschließend in die Ratinger Altstadt gelangt, erlebt Geschichte auf eine andere, lebendigere Weise. Rund um den Marktplatz begegnen sich historische Gebäude und heutiger Alltag. Menschen gehen einkaufen, treffen sich in Cafés oder sitzen auf Plätzen, während die alten Fassaden still davon zeugen, dass hier schon viele Generationen vor ihnen gelebt haben. Besonders die St.-Peter-und-Paul-Kirche prägt das historische Bild der Innenstadt. Sie steht nicht lediglich als architektonisches Denkmal inmitten der Stadt, sondern erinnert daran, welche Bedeutung Religion und Kirche über Jahrhunderte für das gesellschaftliche Leben besaßen.

Vielleicht ist es gerade dieser Gegensatz, der historische Orte interessant macht: Sie bleiben äußerlich bestehen, während sich die Bedeutung, die Menschen ihnen geben, verändert. Eine Kirche kann zugleich Gotteshaus, historisches Bauwerk und Bestandteil des Stadtbildes sein. Ein Marktplatz kann Handelsplatz, Treffpunkt und Erinnerungsort zugleich sein. Vergangenheit verschwindet also nicht einfach. Sie verändert ihre Rolle und wird Teil der Gegenwart.

Besonders deutlich wird dieser Wandel im Industriemuseum Cromford. Hier begegnet Ratingen einer anderen Seite seiner Geschichte. Die ehemalige Textilfabrik erinnert an die Anfänge der Industrialisierung und damit an eine Epoche, in der Maschinen, Fabriken und neue Arbeitsformen das Leben der Menschen tiefgreifend veränderten. Wo heute Besucher durch historische Räume gehen und sich mit der Vergangenheit beschäftigen, wurde einst gearbeitet und produziert. Der Ort bewahrt damit nicht nur alte Technik, sondern auch die Erinnerung an Menschen und Arbeitswelten, die die Entwicklung der Stadt geprägt haben.

Die Geschichte Ratingens lässt sich deshalb nicht allein als Geschichte von Schlössern und Burgen erzählen. Sie ist ebenso eine Geschichte von Arbeit, technischen Veränderungen und wirtschaftlichem Wandel. Gerade das macht das Industriemuseum zu einem wichtigen Gegenpol zu den historischen Adelssitzen. Hier begegnet man nicht der Welt der Herrschaft, sondern der Welt der Produktion. Beide gehören zur Geschichte derselben Stadt und zeigen, wie unterschiedlich Vergangenheit aussehen kann.

Doch Ratingen besteht nicht nur aus dem, was Menschen gebaut haben. Zwischen den historischen Orten öffnet sich immer wieder die Landschaft. Wälder, Felder und Grünflächen geben der Stadt einen anderen Rhythmus. Wo in der Innenstadt Straßen und Gebäude den Raum bestimmen, scheint außerhalb des Zentrums die Zeit langsamer zu vergehen. Ein Spaziergang durch die Umgebung kann dadurch zu einer Art Gegenbewegung zum städtischen Alltag werden. Die Landschaft lädt nicht dazu ein, möglichst schnell irgendwo anzukommen. Sie fordert vielmehr dazu auf, den Weg selbst wahrzunehmen.

Auch die Nähe zum Neandertal verweist auf die besondere landschaftliche Lage Ratingens. Die Region erinnert daran, dass menschliche Geschichte nicht erst mit mittelalterlichen Burgen oder industriellen Fabriken beginnt. Sie reicht tief in die Vergangenheit zurück. Landschaft wird hier zu einem Gedächtnisraum: Sie bewahrt Spuren einer Welt, die lange vor unserer eigenen existierte, und stellt zugleich die Frage, wie vergänglich unsere heutigen Städte und Lebensformen sein werden.

Übrigens ist nicht nur das Neanderthal-Museum im nahen Mettmann einen Besuch wert. Auch die Natur im Neandertal lohnt einen Abstecher, wie ich auch schon in meinem Beitrag über meinen Umzug nach Haan-Gruiten erwähnt habe. Auch die Gegend rund um Ratingen hat demnach einiges zu bieten. Und selbst der Weg durch das Neandertal führt nicht nur durch die Natur, sondern auch vorbei an Zeugnissen längst vergangener Tage.

Vielleicht liegt darin überhaupt eine der interessantesten Eigenschaften Ratingens. Die Stadt erzählt nicht nur davon, was gewesen ist, sondern macht auch sichtbar, wie sich Orte verändern. Aus mittelalterlichen Siedlungen wurden Städte, aus Handwerk entstand Industrie, aus industriell geprägten Orten entwickelte sich eine moderne Dienstleistungs- und Wohnstadt. Gleichzeitig sind viele Spuren früherer Zeiten erhalten geblieben. Ratingen ist damit kein Museum, aber auch kein Ort ohne Erinnerung. Es ist eine Stadt, in der Vergangenheit und Gegenwart nebeneinander existieren.

Wer Ratingen besucht, muss deshalb nicht auf der Suche nach einer einzigen großen Sehenswürdigkeit sein. Der eigentliche Reiz liegt in der Verbindung der vielen kleineren Geschichten. Ein Schloss, eine Burg, eine Kirche, eine Fabrik, ein Marktplatz oder ein Waldstück können jeweils für sich betrachtet interessant sein. Erst zusammen ergeben sie jedoch ein Bild der Stadt: ein Bild von Wandel und Beständigkeit, von menschlicher Arbeit und natürlicher Landschaft, von Vergangenheit und Gegenwart.

Ratingen zeigt damit, dass Sehenswürdigkeiten nicht nur Orte sind, die man fotografiert und anschließend wieder verlässt. Sie können Fenster in andere Zeiten sein. Sie erzählen von Menschen, die längst nicht mehr leben, von Arbeitswelten, die verschwunden sind, und von Landschaften, die sich über Jahrhunderte verändert haben. Wer genauer hinsieht, entdeckt hinter den Fassaden und Wegen nicht nur eine Stadt, sondern ihre Erinnerung.

Und vielleicht ist genau das die stille Besonderheit Ratingens: Die Stadt muss nicht laut von ihrer Geschichte erzählen. Sie trägt sie in sich – in ihren Mauern, ihren Straßen, ihren Landschaften und den Spuren vergangener Zeiten. Wer bereit ist, diese Spuren zu lesen, entdeckt zwischen Düsseldorf und dem Ruhrgebiet einen Ort, an dem Geschichte nicht abgeschlossen hinter einem Museumseingang wartet, sondern mitten im Alltag weiterlebt.

Aber vielleicht ist diese Betrachtungsweise auch ein Schlüssel der uns hilft, in der Hektik des Arbeitsalltags auch einmal wieder ein klein wenig runter zu kommen. Denn das Beispiel von Ratingen zeigt, wieviel Schönes direkt vor der Haustür liegt und wie wenig Zeit man leider meist hat, dem Schönen gebührend Achtung zu schenken.

Ich bin jedenfalls froh, dass ich zwischendurch trotz der vertrieblichen Aktivitäten in Ratingen die Zeit gefunden habe, die alten Mauern zu bestaunen und auch das Fenster in die alten Zeiten wieder ein Stück weit zu öffnen.

Und wenn dann auch noch das Wetter so schön mitspielt wie auf diesen Fotos, dann ist selbst die manchmal doch sehr herausfordernde Vertriebsarbeit doch irgendwie schon fast wie Erholung. 🙂

Bilder: jhmc